Nicht klug, aber ausgeklügelt

Biesenthal (fos) Sind Pflanzen strohdumm oder klug und weise? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Ökofilmtour im Biesenthaler Kulturbahnhof am zweiten Tag des Filmfestivals. Gezeigt wurde der Film "Kluge Pflanzen", an dem der Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator Volker Arzt mitgewirkt hat. Er schrieb den Bestseller "Haben Tiere ein Bewusstsein?".

Wenn auch Pflanzen im menschlichen Sinne nicht klug sind, so haben sie doch im Laufe von Jahrmillionen ein ausgeklügeltes System der Selbsterhaltung hervorgebracht - lautete der Tenor der Veranstaltung. Und einige Exemplare dieser hervorragend angepassten Pflanzen sind nicht nur wie im Film in Mexiko und anderen fernen Gegenden der Welt zu finden, sondern auch im Barnim.

Vor überzogenen Thesen im Hinblick auf "Pflanzenklugheit" warnte Andreas Richter vom Forstbotanischen Garten Eberswalde, der Referent des Abends. So wurde im Film davon gesprochen, dass der Wilde Tabak in der Lage sei, einen "Hilferuf" auszusenden, wenn Raupen über ihn herfallen. Richtig sei vielmehr, dass die Pflanze einen Duftstoff aussendet, der fressgierige Feinde der Raupen anlockt. Statt der Pflanze einen bewussten Hilferuf oder eine ausgedachte Abwehrstrategie zu unterstellen, hat sich im Laufe der Evolution vielmehr ein gut funktionierender Abwehrmechanismus eingestellt. "Wenn man unter denken versteht, angemessen auf die Umwelt zu reagieren, können Pflanzen auch denken", so Richter. Abstraktionsfähigkeiten gehörten jedoch nicht dazu. Gleichwohl hat die Wissenschaft inzwischen festgestellt, dass einige Pflanzen elektrische Impulse aussenden, obwohl sie nicht über Nervenbahnen verfügen. Wie im Film gezeigt, sendet Wein solche Impulse aus, wenn er von Mehltau befallen wird.

Gezeigt wurden auch Orchideen, deren Blüten Insektenmännchen in die Irre führen, indem sie ihnen attraktive Weibchen vorgaukeln, auf denen sie buchstäblich landen können. Dieses Phänomen kann auch im Barnim festgestellt werden. Der Spinnen- und der Fliegen-Ragwurz sind Orchideenarten, die in der Region anzutreffen sind und auf die gleiche täuschende Art für ihre eigene Bestäubung sorgen. Und auch der Sonnentau ist eine bescheidene Orchideenart, die in nährstoffarmen Hochmooren der Region wachsen kann und mit der Produktion kleiner, glänzender Nektartropfen Insekten anlockt, die dann an der Pflanze kleben bleiben und verspeist werden.

Es gibt allerdings auch "kluge" Pflanzen, deren Abwehrsysteme nicht mehr funktionieren. Einige moderne Maissorten sind nicht mehr in der Lage, über ihre Wurzeln ein Gas zu produzieren, das als "Hilferuf" wirkt, wenn sich die Larven des Maiswurzelkäfers über sie hermachen. Die Folge ist verheerend. Da der Duftstoff ausbleibt, werden auch die Fadenwürmer nicht angelockt, die sonst die Larven aussaugen. Der Landwirt setzt dann meist auf chemische Mittel.

Dass es auch eine "kluge" Reaktion der Kastanie auf die Miniermotte gibt, erwartet Andreas Richter eher nicht. Doch da es sich bei der Miniermotte nicht um eine einheimische Fauna handelt, werde es lediglich etwas Zeit dauern, bis sich ihre Fraßfeinde einstellen und sich das Problem so löst.


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MAZ 26.02.2010
MAZ 22.04.2010