Ökofilmtour 2010 gibt Denkanstoß

Von Jochen LangeTemplin.

Stolz stehen sie an der Uferböschung im brasilianischen Urwald. In den Händen Pfeil und Bogen, das Gesicht bemalt. Die Guarani-Kaiowa-Indianer machen einen geheimnisvollen, beinahe bedrohlichen Eindruck auf eine Handvoll Touristen, die in einem kleinen Motorboot an ihnen vorbeifahren. Als die Urlauber verschwunden sind, ziehen sich die Indianer zurück ins Dickicht. Auf einer Lichtung wenig später bekommen sie für ihren "Auftritt" Geldscheine in die Hand gedrückt von Handlangern des Grundbesitzers, ziehen sich Hemd und Hose über die nackte Haut, springen auf die Ladefläche eines Geländewagens und werden abtransportiert. Der stolze Ausdruck in ihren Gesichtern ist einem Ausdruck der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung gewichen.
Mit diesen Bildern beginnt der Film "Birdwatchers", der am Dienstagabend im Templiner MKC gezeigt wurde. Er läuft im diesjährigen Wettbewerb der "Ökofilmtour 2010", des fünften Festivals des Umwelt- und Naturfilms im Land Brandenburg, das traditionell auch in Templin für zwei Tage Station macht. Auserkoren als Eröffnungsfilm des Festivals wurde "Birdwatchers" bereits am 14. Januar vom Veranstalter, dem Potsdamer Förderverein für Öffentlichkeitsarbeit im Natur- und Umweltschutz(FÖN) e.V. Etwa zwanzig Interessierte hatten sich im Café des MKC zusammengefunden. Auf den ersten Blick wenig angesichts des Themenfeldes und des Anliegens des Festivals, welches einer der Leiter, Ernst-Alfred Müller, so formuliert: "Wie wird sich die Welt sozial, ökonomisch und im Hinblick auf den Klimawandel verändern und welches Verhältnis hat jeder Mensch ganz konkret zu dieser Welt und zu seinen Mitmenschen, ob hier oder im südamerikanischen Urwald?" Aber sowohl Müller als auch der eingeladene Gesprächsgast, die Chefredakteurin der Zeitschrift für gefährdete Kulturen "Bumerang", Hannelore Gilsenbach, die seit Jahren vor Ort versucht, den von Ausrottung bedrohten Stämmen und Völkern beizustehen, freuten sich über den aus ihrer Sicht großen Zuspruch in Templin.
Für "Birdwatchers" konnte der brasilianische Regisseur Marco Bechis eine Gemeinschaft der Guarani-Kaiowa-Indianer als Laienschauspieler gewinnen. Mit großer Authentizität zeigen sie ihren trostlosen Alltag, in dem sie ausgebeutet werden von den weißen Grundbesitzern und der viele von ihnen in den Selbstmord treibt. Deswegen hätten die Guarani-Kaiowa-Indianer die höchste Selbstmordrate weltweit, berichtete Hannelore Gilsenbach. Vertrieben aus dem Urwald, der immer weiter unter anderem für den Anbau von genverändertem Soja gerodet wird, verlassen die Indianer das Reservat und besetzen ihr altes Gebiet. Es kommt zum unausweichlichen Konflikt mit dem Grundbesitzer, an dessen Ende der Häuptling ermordet wird. "Die brutalen Methoden der Grundbesitzer, die im Film gezeigt werden, sind in der Realität gängig", bestätigte die Journalistin und Buchautorin Hannelore Gilsenbach in der anschließenden Gesprächsrunde im Café des MKC. Dort zeigte sich dann auch der Vorteil der kleinen Besuchergruppe, fand Ernst-Alfred Müller. Da die Runde überschaubar gewesen sei, sei der Austausch "bemerkenswert" gewesen, sagte er. Schnell entfernte sich das Gespräch vordergründig von "Birdwatchers" hin beispielsweise zu Themen wie dem globalen Nord-Süd-Gefälle, christlicher Missionarsarbeit in den betreffenden Gebieten oder den Schattenseiten des Kapitalismus. Dabei zeigte sich, dass vieles auf den zweiten Blick miteinander zusammenhängt in der globalisierten Welt. Eine junge Frau fragte in die Runde, wie man denn am besten helfen könne, denn "so viel Schlimmes, wie im Film gezeigt, lähmt mich". Spenden seien natürlich sehr wichtig für die Arbeit der Hilfsorganisationen, unterstrich Hannelore Gilsenbach. Dass Helfen aber auch in Bevormundung umschlagen könne, warnte ein anderer Gesprächsteilnehmer, der von eigenen Erfahrungen in Südamerika berichtete. "Es ist heute ein tolles Gespräch. Das ist sonst selten so tiefgehend", freute sich am Ende Hannelore Gilsenbach. Auch Ernst-Alfred Müller zog eine positive Bilanz. Man sehe an der Bandbreite der angesprochenen Themen, dass "Birdwatchers" Wirkung zeigt auf die Zuschauer. In einer globalisierten Welt dürfe man sein Denken nicht auf einzelne Probleme verengen, sondern müsse in Zusammenhängen denken. Auch das sei ein wichtiges Anliegen des Festivals "Ökofilmtour 2010".


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PNN 16.01.2010
MAZ, Neues Granseer Tageblatt, 05.02.2010